Werner Reinert

"1922 in Saarbrücken geboren. Humanistisches Gymnasium. Studium der Germanistik und Philosophie. Promotion zum Dr. phil. in Freiburg i. Br. Soldat in Rußland und Italien. Bei Monte Cassino schwer verwundet. 1960-1953: Referent im Kultusministerium Saarbrücken. 1953-1956: Presse-Attaché in Paris." (1.) 

 Werner Reinert, aus katholischem Elternhaus, ein Gegner des Nationalismus, mit Kontakten zur Weißen Rose, auch aufgrund seiner Erlebnisse im Krieg ein überzeugter Europäer. Er arbeitete am europäisch ausgerichteten "Saar-Statut" mit, das aber von der Bevölkerung des Saarlandes mit Hilfe einer Abstimmung abgelehnt wurde. Politisch gelähmt und schwer erkrankt, schied er aus dem saarländischen Staatsdienst. Er lebte mit seiner französischen Ehefrau Colette einige Jahre in Südfrankreich, in Castillon-du-Gard, schließlich in Marokko. Er starb 1987 in Saarbrücken.

Gedichte und Prosa in Auswahl


NAHE WOLKE

eine wolke ist mein freund

im sommer gibt sie mir schatten

im winter bringt sie mir schnee

morgens spielt sie mit meinen tieren

nachts schläft sie bei meinem traum

ich brauche sie nicht zu rufen

sie ist immer da

mit leichten händen

breiten lippen

und einer kehle

in der sich dein name verbirgt

(2.)

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JUGEND

als ich achtzehn war

sah ich

einen leutnant

die hand mit der null acht

gegen den nacken

eines alten mannes heben

der alte mann

griff in die luft

er wollte sích

an einer sonnenblume festhalten

ein kleines mädchen

kam durch den garten

es hockte sich

neben den alten mann

es tauchte den finger

in das blut

als ich neunzehn war

las ich

an einer litfaßsäule

vor der universität straßburg:

im namen des volkes

wegen hochverrats

wurde zum tode verurteilt

die zweiundzwanzigjährige

die nächste Zeile

mit dem namen

war ausgekratzt

unter dem ausgekratzten namen

stand

das urteil ist bereits vollstreckt

als ich zwanzig war

sah ich

an einem baum in thüringen

einen jungen hängen

er hatte nur einen schuh an

auf seinem rücken klebte ein Schild

auf dem schild stand mit bleistift

ich war feige. (2.)

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SPÄTE ZEICHEN

Wenn der Sommer vorbei ist,

Fisch an der Mole fault,

Sturmdolch den Strand zerfetzt,

Fällt es dir auf:

Ball, der nicht mehr rollt,

Schiff, das nicht mehr fährt.

Mund, der nicht mehr lacht.

Wenn die Mauern kalt sind,

Spinne im Segel webt,

Zigeuner die Geige verbrennt,

Weißt du es jäh:

Kinder sterben schwer.

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AUGENBLICKE

als der Zwerg die Klinge prüfte

(3.)

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MAIKÄFER FLIEG

"Sie dürfen hier nicht stehenbleiben", sagte Fronturlauber Knaut.

"Das Haus kann jeden Augenblick einstürzen."

Die Frau gab keine Antwort. Sie sah an Knaut vorbei in die Flammen.

"Kommen Sie", sagte Knaut. "Ich bringe Sie weg. Sie können nichts daran ändern."

Die Frau gab keine Antwort.

"Seien Sie doch vernünftig. Ein Haus ist nur ein Haus. Hauptsache, Sie sind gerettet." -  Im achten Monat könnte sie sein. Ich muß sie wegbringen. Das hier ist Gift für sie und das Kind. -

Die Frau sah in die Flammen. Langsam knöpfte sie ihren Mantel auf.

Eine Puppe fiel auf den Boden.

Knaut hob die Puppe auf und gab sie ihr. Die Frau ließ sie vor- und zurückpendeln.

Die Puppe sagte: Mama. Die Frau küsste sie und warf sie in das Feuer.

"Da hast du deine Puppe", flüsterte sie. "Spiel damit, Liebling. Sie ist noch ganz. Du wirst sehen. Sie sagt sogar Mama."

(3.)

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"Würden alle französischen Kriegsverbrecher vor ein Nürnberger Tribunal gestellt, meine Damen und Herren, dieser Saal wäre zu klein, um die Angeklagten zu fassen."

"Bravo!"

Händeklatschen. Füßetrampeln. Blitzende Augen.

"Der gibts ihnen."

"Ja, die Zeiten ändern sich."

Schwarz-rot-goldene Fahnen um das Rednerpodium.

(6.)

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für martin

wenn ich groß bin

baue ich ein schiff

und fahre über das meer

zu dem vogel fahre ich

den niemand hört

zu dem fisch fahre ich

den niemand sieht

zu der blume fahre ich

die niemand bricht

(5.)

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Quellen

1. Werner Reinert über sich selbst, in: Saarländische Anthologie. West-Ost-Verlag. Saarbrücken: 1958.

2. Werner Reinert (1966) halte den Tag an das ohr. gedichte. piper verlag: münchen.

3. Werner Reinert. (1963) Knaut. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln-Berlin.

4. Werner Reinert in: Zeitmesser dpa. saarländische Künstler arbeiten mit nachrichten. Saarbrücken: 1975.

5. Werner Reinert (1973) Kinderlied. Mit Linolschnitten von wilfrud krämer. Stuttgart.

6. Werner Reinert (1980) Der Dicke muss weg. Dillingen: Queißer Verlag: 1980.

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Verantwortlich: peter.baltes. www.lebenstechnik.info